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von Berthold Janecek

Der nun folgende Kennjokus gehört eigentlich zu einer Fachsprache, meinethalben zu einem Slang. Es handelt sich um einen Kennjokus der SchifferInnen und FischerInnen der österreichischen Donau. Die Ursprungssage führt uns zu einem Adeligen, dem, weil er sich gegenüber dem herrschenden Geschlecht, den Babenbergern, nicht allzeit treu und folgsam verhielt, ein übler Ruf angedochten ward: Es heißt in einer Sage, Hadmar III. (Hund) von Kuenring, Herr (u.a.) auf Aggstein an der Donau, Ministeriale und mächtiger Raubritter, habe den Kennjkokus vom Donaufürsten, dem Herrscher über alle Nöcke und Nixen der Donau, gelornen. Ein Seelenloser als Lehrmeister! Welch heidnische Szene! Damals kamen die Formen natürlich von mittelhochdeutschen Verben, und sie haben sich seither klarerweise weiterentwickelt; gehor einst der Kennjokus offenbar zur Adelssprache, hat er sich später unter den an der Donau Tätigen jeglichen Standes verbreitet.* (Berthold Janeček)

* Ich gebe zu, daß dieser Absatz größtenteils aus Schmähs besteht. – Aber vielleicht gäb’s ja auch eine Stark von Sagen.

Coniugatio consonantium irridentium ad alteram ripam Danubii vel Histri – cum vocalibus planis ‚e’, ‚ee’, ‚eh’, ‚ä’ et ‚äh’ ad marginem citeriorem fluminis et cum liquida ‚l’ (= Danubius vel Hister).

Kennjokus der spöttischen Konsonanten am anderen Donauufer – mit den flachen Vokalen... am diesseitigen Flußufer und mit der Liquida ‚l’ (= Donau, nachdem sie eine größere Breite gewonnen hat)

Das Verb hat folgende Formel:

Kons. [+ Kons. + r] + e/ee/eh/ä/äh + l[l] + en

Der Gedanke ist, daß am anderen Donauufer jemand ein ausgerufenes Verb bespöttelt, die Anfangskonsonanten, auch am Ende, verzerrt wiedergibt, aber dabei doch gesetzmäßig bleibt. Beginnen wir mit einfachen Anfangskonsonanten:

Die vorderste Konsonantengruppe, die Lippenlaute (Labiale und Labiodentale: b, p, w, f, m), führen nach der Überquar der Donau (des l[l]) zu p. Im P. P. findet grundsätzlich (also auch bei den folgenden Gruppen) eine Lenisierung (Lanasur: etwas irreführend, weil man eher an m, n oder ŋ dächte) statt: p > b. Das l wird im P.P., auch falls vorher ll geschrieben ward, immer als l ausgefohren. Die Behulnd des P.P. erinnert, durch die Abschwach des Geräusches, ein wenig an eine onomatopoetische Konjugation.

Bei Zahnlauten (Dentale; allein kommt nur ‚s’ vor: bei beseelen) folgt nach dem l ein t. Lenisierung im P.P.: t > d

Beim Anfangs-sch (z.B. schellen) kommt es nach dem l zu einer Pulutulusur (Palatalisierung; a nach ‚tun-tat-getan’, > u; Verbum: pulutulusurun), – das e der Endung –en wird gezwungen, sich zu u zu wandeln). Es entstehen Konsonanten wie die ‚weichen’ russischen tj und dj, wie im Englischen in ‚tune’ und ‚duty’ (aus Fronek, J. (2000) ‚Velký Česko – Anglický Slovník, Leda, Praha: 1597 pp.) oder wie tschechisch t’ und d’. Da die Apostrophe irreführend sein kekünnen, empföhle, pardon, empfülpe ich tj und dj.

Gaumenlaute (Gutturale: g, k) führen logischerweise nach dem l zu k > g.

Das h (in [ver]hehlen oder erhellen) ist ein Ausnahmefall. Es führt nach dem l zu ch und schließlich im P.P. zu einem stimmhaften ‚ich’-Laut. Ich schreibe diesen Laut, der sonst im Deutschen nicht vorkommt, als ĵ.

Stehen am Anfang mehrere Konsonanten (bzw. steht dort eine Affrikata), dann kommt es darauf an, ob die Laute zur gleichen Gruppe zählen oder verschiedenen Gruppen angehören (schw etwa führt – vgl. auch etwas weiter unten – zu ptj > bdj):

Im ersten Fall (mit st-, z-, schn- und pf) steht jenseits des l t>d, tj>dj oder p>b.

Verben mit Anfangskonsonanten aus verschiedenen Gruppen (qu [= kv], sp oder schw- von soeben) sind der Liste zu entnehmen. Weil –tk- im Deutschen im Wort eine unmolge Konsonantenfolge ist, kommt es zwischen diesen beiden Konsonanten (die ‚am anderen Ufer’ in gespalg’ner Reihenfolge zu hören sind: z.B. Präteritum von (zer)spellen – einer anderen Untergruppe: zerspollpt) zur Bildung eines e-haltigen Gleit- oder Murmellautes (ə) – der natürlich als e geschrieben wird (vgl. quellen und quälen).

Das r bei strählen (= kämmen) führt zu einer weiteren Sonderbald: Dieses Wort schreibt und spricht sich cum saltu consonantis r trans consonantem irridentem – und Gleitlautbald – e (ə) dazwischen: Präteritum: strohltjer

Ein Verb (krakeelen) zeigt nebenher auch Coniugatio duplex.

Manche Verben machen in einigen Formen, wegen Verwälchsen mit anderen Verben, den Kennjokus nicht mit.

Die Verben mit langem e haben, gehen, stehen, befehlen und stehlen nachgebolden, je drei mölge Präteritums- und Konjunktiv-II-Vokale (!), u/ü (die altertülme Form; vgl. stünde – und Präteritum stund, das ich aus Volksliedern kenne), a/ä und i/i – sowie zwei mölge P.P.-Vokale: a und o.

Die Verben mit kurzem e besitzen, nach schwellen-schwoll-geschwollen, nur o/ö und im P.P. o.

Verben mit langem ä haben, nach gären-gor-gegoren und nach gebären-gebar-geboren, im Präteritum ah/oh und im P.P. oh.

Verben mit kurzem ä (auch lediglich als orthographische Variante von kurzem e aufzufassen), verfügen, nach hängen-hing-gehangen, im Präteritum lediglich über i/i und im P.P über a.

Liste

A)

Infinitiv Indikativ
Präsens
Indikativ
Präteritum
Konjunktiv II Imperativ Partizip II
befehlen befiehlpt befulp/befalp/befilp befülpe/befälpe/befilpe befiehlp befalben/befolben
krakeelen kräkielkt krukul/krikalk/krikilk krükülke/krikälke/krikilke kräkielk krkalgen/krakolgen
beseelen besielpt besulp besülpe besielp besolben
schwelen schwielptjet schwulptj schwülptje schwielptj
schwelt
geschwalbdjen
Z.B. ein Zauberer: „Schwielptj, du Lust! Schwelt, ihr Liebesflammen!
fehlen fiehlpt fulp fülpe fiehlp gefalben
hehlen hielcht hulch hülche hielch halĵen/holĵen
stehlen stieltjet stultj stültje stieltj gestaldjen

B)

Infinitiv Indikativ
Präsens
Indikativ
Präteritum
Konjunktiv II Imperativ Partizip II
bellen billpt bollp böllpe billp gebolben
gellen gillkt gollck göllcke gillk gegolgen
erhellen erhilcht erhollch erhöllche erhillch erholĵen
prellen prillpert [-ərt] prollper pröllpere prillper prolberen
Im Partizip II Ausfall des ge- wegen ,Überlänge‘ des Wortes; übrigens findet hier keine Spalg statt, weil das r nicht nur die Donau (das l), sondern auch noch den spöttischen Vokal überspringt.
quellen quillpeckt quollpeck quöllpecke quillpeck quolbegen
(sich) gesellen gesilltet gesallt gesällte gesillt gesolden
schellen schilltjet gescholltj geschölltje schilltj gescholdjen
schnellen schnilltjet schnolltj schnölltje schnilltj geschnoldjen
schwellen schwillptjet schwollptj schwöllptje schwillptj geschwollbdjen
spellen spillptet schwollptj schwöllptje spillpt gespolbden
stellen stilltjet stolltj stölltje stilltj gestolden
wellen willpt wollp wöllpe willp gewolben

C)

Infinitiv Indikativ
Präsens
Indikativ
Präteritum
Konjunktiv II Imperativ Partizip II
quälen queelpeckt quahlpeck/quohlpeck quählpecke/quöhlpäcke queelpeck quohlbegen
Vgl. quellen. Im ,peck‘ steckt auch der schmerzhafte Schnabelhieb z.B. eines Greifvogels – Adler – Leber des Prometheus... Im Partizip II ge-Ausfall wegen ,Überlänge‘
schälen scheeltjet schahltj schähltje scheeltj geschohldjen
vermählen vermeelpt vermahlp vermählpe vermeelp vermohlben
pfählen pfeelpt pfahlp pfählpe pfeelp gepfohlben
zählen zeeltet zohlt zöhlte zeelt
Pl.: zählt
gezohlden
mit dem Indikativ Präsens vgl. zeltet von zelten, im Präterium fällt zahlt wegen Überschneidungen mit zahlen aus
stählen steeltjet stohltj stöhltje steeltj
Pl.: stehlt
gestohldjen
vgl. stehlen
strählen (kämmen) streeltjert strahltjer strähltjere streeltjer gestrohldjeren

D)

Infinitiv Indikativ
Präsens
Indikativ
Präteritum
Konjunktiv II Imperativ Partizip II
fällen fellpt fillp fillpe fellp gefalben
Das kurze e macht im Indikativ Singular nur einen orthographischen Unterschied.
vergällen vergellkt vergillk vergillke vergellk vergalgen


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