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Justizdrama in vier Akten von amarillo

Kurzer Prozeß

Richter:

Gib’s zu, Du molchst den Lehmann Peter,
Du Tagedieb, Du Schwerenöter.
Worgst ihn am Hals bis er entschlormm,
Du Übeltäter schlimmster Form.

Angeklagter:

Ich hab’ den Mann doch nicht getoten,
weiß nur zu gut, das ist verboten.
Er schak zur Bank mich mit dem Scheck,
Als ich dort ’reinschnie - welch’ ein Schreck.
Denn jener Scheck war nicht gedocken,
Und langsam hat’s bei mir geklocken.
Ich starz zurück zu Lehmanns Peter,
Erblak im Stiegenhaus den Täter:
Ein Mann von etwa vierzig Jahren,
Mit starrem Blick, ergronen Haaren.
Ich frug mich, warum er so schwäße,
Ob’s Fieber ihm die Stirne näße.
Dann trat ich ein in Peters Stube,
Doch kurz zuvor hatt’ jener Bube
Lehmanns Peter stranguloren
ohne Gnade - unverfroren!

Richter:

Es gilt zu haschen jenen Strolch,
Der wirklich Peter Lehmann molch.
So firsch’ die Gegend ab, Du, Büttel,
Fircht weder Aufwand, Widerstand noch Mittel.
Spirr’ ab die Wege, Straßen, Gassen;
Zörg’ nicht, den Haderlump zu fassen.

Staatsanwalt:

Du, Angeklagter, noch verwiel!
Für Dich winkt erst das Freiheitsziel,
Wenn jener Mordslump ist gestollen,
Doch wir Dich gut behandeln wollen.
Ställ’ sich heraus, Dein Herz ist rein,
Ich sömme nicht, ließ’ frei Dich sein.

Intermezzo im U-Trakt der JVA Gelsenkirchen

Insasse (Hermann) zu Angeklagtem:

Dich kenn’ ich doch, Du alter Schwede, Vernuschest Du nicht meine Frau,
Vor Jahren schon, Du heißt Klaus Brede,
Jetzt dämmert’s mir und zwar genau!
Hast meine Alte kurzentschlossen
Damals auf dem Klo genossen.
Auf der Kirmes war’s, in Herne,
Eigentlich böx’ ich jetzt gerne
Dir ’ne Beule in die Omme,
Doch da morgen frei ich komme,
Deucht’s mich besser, wenn ich’s lasse
Auch wenn ich Dich dafür hasse,
Daß Du einst mein Weib entohren
Doch das eine sei geschworen:
Begöng’ ich Dir auf freiem Felde,
Dein Leben ich beänd’ in Bälde.

Chor der Gefangenen:

Was Hermanns Weib Dir einst beschor,
Tritt nun als böse Tat hervor.
Hermann, girb’ dem Schuft die Häute,
Hirng nicht länger Deiner Beute.
Heute sei’s daß er bezöhle,
Kräftig ihm das Leder öle!

Hermann:

Schweigt, Ihr Deppen, wißt Ihr nicht,
Daß nebenan im Landgericht
Alles ist schon vorberitten;
Meine Zeit ist abgelitten.
Krömm’ ein Haar ich nun dem Brede,
Auch wenn er’s verdöhn’, die Sau,
Schöck’ der Richter stantepede
Mich gleich wieder in den Bau.

Chor des Justizvollzugpersonals:

Sölmmest Klaus Du eine rein,
Wünke Dir die Freiheit nicht.
Wönkest morgen nicht in’s Licht,
Wir sofort Dich süken ein.
Trinn Dich von den bösen Plänen,
Trinck auch Deine Rachetränen,
Schich hinfort das garst’ge Dräu’n.
So, bis morgen dann, um neun.

Hermann:

Alles klar, so wird’s gemiechen,
Kann ich Brede auch nicht riechen,
Schmötz’ ich mir die Finger nicht
An diesem Aas, Halunken, Wicht.
Ohnedies ist meine Liesen
Schon vor Wochen abgeriesen.
Iel hinfort mit dunklem Ziele,
Doch es gibt der Weiber viele.
Frie’ ich mir ein hübsches Kind,
Rälg’ mein Leben sich geschwind.

Klaus Brede (zu sich selbst):

Plürd’ ich mit Hermann,
rieze ihn über das Maß,
er noch mich vertrömm’.

Das Geständnis

Gerichtsdiener:

Aufgepassen, heut’ kommt Brede
Hier in den Verhandlungssaal,
Stellt der Richter ihn zur Rede,
Ober er molch den Lehmann Ede?
Abgewarten, schau’n wir mal.

Richter:

Aufgemorken, lieber Schreiber,
hier schlich sich ein Fehler ein.
Peter hieß der Schuldentreiber,
korrigoren soll es sein!

Die Ermittlung hat ergeben:
Lehmann war ein krummer Hund,
Fohr ein unmoralisch’ Leben,
Stieß an Ander’n sich gesund.

Doch ist dies kein Grund zu morden,
Brede, tritt jetzt einmal vor.
Bist ja plötzlich blaß geworden,
Irß Dich nun, wir sind ganz Ohr.

Nur so viel sei schon gekloren:
Jener finst’re dritte Mann
ist aus Phantasie geboren,
Angeklagter, Sie sind dran!

Brede:

Hoher Rat, ich muß gestehen:
Alles Lüge, was ich sug,
Hab’ den Fremden nie gesehen,
Doch der Lügen nun genug.

Lehmann hatte mich verfohren,
sehr viel Geld von ihm zu leih’n.
Doch hat’s mir kein Glück beschoren,
Scholden über beide Ohren,
Hab’ zwar Paulan imponoren,
Meiner Freundin aus Gastein;

Doch schon nach recht kurzer Weile
Lehmann frord sein Geld zurück,
Zähl’ ich nicht sofort, gäb’s Keile,
und das allergröbste Stück:

Lehmann, dieser hundsgemeine,
Widerliche Lumpensack,
Wollt’, daß Paula mit ihm teile
ich und zwar sofort, zack zack.

Er erpraß mich, ihr zu nennen
Eben jenes Geldes Quelle.
Nun, wie wir die Weiber kennen...
Ich sah schwinden meine Felle.

Kurzentschlossen ging hinauf
Ich zu Peters Dachetage.
Er much auch die Tür gleich auf,
Grans mich an, in mir lord Rage.

Puk am Hals ihn und worg feste,
Bis die Atmung er stoll ein.
Denn ich glob, es wär’ das Beste,
Ganz befron von ihm zu sein.

Knops ihm aus die Lebenskerze,
Mir zur Rettung, nicht zum Scherze!

Das Urteil

Blinder Seher:

Wehe, wehe, wie ich sehe,
Birgt sein Herze bang der Richter,
Will nicht Richter noch Vernichter
Sein, wenn ich hier richtig gehe.

Richter:

Schnüß! Ich bin am überlegen,
Was wohl jetzt zu tuen sei.
Spür’ ein menschlich starkes Regen,
Schöffen, auf nun, steht mir bei!

Das Dilemma gilt’s zu wägen,
Wie zu richten Bredes Klaus:
Aufs Schafott des Mordes wegen?
Oder läuft’s auf Kerker ’raus?

Resümoren sei’n nun alle
Einzelheiten dieser Tat;
Ob der Klaus in diesem Falle
wohlgeplant geholnden hat.

Drei Hexen:

Nimmer barg der arme Brede
Tötungslust in seiner Brust.
Ward gehotzen von dem Frust.
Richter, Du’s erkennen mußt,
Hier ist nicht von Mord die Rede.

Totschlag ließen wir noch gelten,
Er hat im Affekt geworgen,
Ward geblandt von Geldessorgen;
Böser Fall, doch gar nicht selten.

Richter:

Kann mir jemand mal verraten,
Was drei Hexen hier verloren?
Wollen die jetzt mitberaten?
Schluß - sie seien nicht gehoren!

Kommt, Kollegen, laßt uns sinnen,
Wohin man nun Brede schickt.
Tief in meiner Kammer drinnen
Fachgesulmpen sei’s Delikt.

Brede:

Ihr lieben Herrn, seid nicht gedrongen,
Es ist die Tat ja nicht gelon·gen.
Geb’ alles zu, was ich verbrach,
Nehm’ auf mich Schande, Schuld und Schmach.

Verblonden ward mein Herz von Pein,
Daß er mir Paula könnte rauben.
Zutiefst lieb’ ich dies Mägdelein,
die Lieb’ ist schuld, das könn’se glauben.

eine Stunde später
Gerichtsdiener:

Hoch, ihr Leute, auf die Beine,
Denn ich seh’, der Richter naht.
Finst’re Miene hat er keine,
sieht gut aus, Herr Delinquat.

Richter:

Alle Leute aufgepossen,
Denn nun kommt mein Urteilsspruch:
Sieht gut aus für den Genossen,
Denn sechs Jahre sind genuch.

Haben uns dann doch erbormen
Die Geschichte so zu seh’n,
Daß sie paßt in sanfte Formen,
Wär’n sonst acht Jahr’ oder zehn.

Brede:

Null problemo, Euer Ehren,
akzeptoren sei der Knast.
Werd’ des Urteils mich nicht wehren,
Denn ich weiß ja: schon nach fast
Gut zwei Dritteln einer Spanne
Kommt man frei bei guter Fuhr.
Es wird geben keine Panne,
Ist versprochen - großer Schwur!

Werde nach betreutem Sitzen
Mir erbau’n ein neues Glück.
Hoher Rat, es ist geritzen,
Ruhig in den Bau mich schick.

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