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Eine Liebesgeschichte von Kilian

Es war einmal ein Team von Innenarchitekten, das für den Ballsaal des Grafen zu Wartheim engagiert ward. Es zog an einem Strang und strang sich mächtig an - mit Erfolg: Die neue Gestaltung besaal den Saal richtiggehend. Ein Tor, wen das nicht betor! Bald bald sich festliche Stimmung; das Geschmeide der Gäste blank über dem blanken Parkett, es ward musizoren und getunzen. Ein Frosch, wen das nicht erfrosch! Später am Abend verschwand durch ein Loch in der Wand der junge Graf mit der Freiin von Bronn, die ihn wenige Wochen später eheloch. Vorher aber, auf unvorsichtiger Mondscheinpromenade von kaltem Wind und anderen Gästen ertappt, erkalt sie sich, errot und blieb für ein paar Tage rot vom Fieber. Doch das ging vorüber. Zwar ward sie kurz mal etwas fahl, doch fahl ihr bald nichts mehr. Bettruhe und Arzenei schlugen die Bakterien in die Flucht, die fluchend fluchten.

Mit wiedergefundenem Appetit gar die Freiin gar so sehr nach garen Kartoffeln, das manch anderer über der Erdäpfel schnellen Schwund klug. Doch der Vater war klug und kuf Kufen, die die Tochter, einmal unter den alten Schlitten geschroben, durch den Schnee in ein nahes Restaurant trugen, wo der Appetit der Genesenden nicht anstieß, denn siehe, es gab dort den All-You-Can-Eat-Tarif. Das Geld klack also nur einmal auf dem Tresen, doch selbst dies Geld stellte sich als in den Sand gesetzt heraus, als es vor dem ersten Bissen „klack“ machte, die Gabel der Freiin zu Boden ging und sie zum Essen plötzlich viel zu aufgeregt war, denn der Verlobte war eingetreten und verlong vom Wirte des Bieres fünf Krüge, mit der Begründung, dass er draußen gegen französische Horden krüge. Was angesichts des herrschenden Friedens nur offenbur, dass er des berauschenden Nasses schon zu viel genossen.

Glücklicherweise zerstört der Liebesrausch manchmal den des Alkohols, sodass der Anblick der Geliebten dem Grafen den Schwips verkurz und den Abend, der ohnehin kurz war, musste doch zeitig wieder abgefahren werden, um nicht auf dem Rückweg im Schneegestöber steckenzubleiben. Der Kutscher erschrak draußen bis ins Mark, als er mark, dass des Winters Wirken sich immer noch verdocht, entzündete den Docht der Schlittenlaterne und zerstor die Zweisamkeit der Verlobten, indem er hastig alle wieder ins Gefährt befahl. Als sein Ruf erscholl, ruf man schnell Schirme und Mäntel zusammen und stieg in den Schlitten, wo der Kutscher das Ross peitschte und losross. Um sie nicht wieder der Erkältung preiszugeben, warf der Graf der Freiin seinen Rock über und rock dicht an sie heran. Der Kutscher, der sonst, solange sich das Rad nur drehte, nicht viel rad, hatte auf dem radlosen Schneegefährt eine losere Zunge und trug geistreiche Gedanken und romantische Lyrik vor, sodass die junge von Bronn ihm einen affirmativen Blick zuwarf, den der junge zu Wartheim missverstand. Eifersüchtig lief das Schiff seines Herzens auf ein Riff. In ihm riff der Entschluss, den vermeintlichen Nebenbuhler ohne Adel zu töten, und er sprach:

„Antoinette, bei dieser dicken Schneeschicht schicht man doch keinen Eisbären vor die Tür und schon gar nicht einen Pferdeschlitten auf die steile Serpentine, die zum Hause deines Vaters führt. Weise deinen Kutscher doch an, zum Schlosse des meinen zu schlittern, und sei mein Gast, bis das Wetter sich bessert. Für heute Abend kann ich dir nur ein schlichtes Mahl anbieten, doch morgen schlicht man einen Hammel, da lässt sich’s dann zünftig speisen. Außerdem können wir dann unsere Heiratspläne konkretisierend bekakeln.“ Und weiter dachte er finster: „Das einzige Hindernis gedenke ich nämlich mithilfe der Giftgasvorrichtung unserer Gesindekammer aus dem Weg zu räumen.“

Als sie ankamen, musste er seine Mordpläne aber erst einmal zurückstellen, weil es ein anderes Problem gab: „Potz Blitz, potz man denn hier nicht?! Noch vom Feste liegen im Ballsaal Schmutz und Essensreste, Heroinspritzen und Dildos! Beim Schwanz des Teufels, schon wieder schwanz das Mädchen den Reinemachdienst!“ Und er schmuh es noch ärger, was aber Schmu war, denn es handelte sich nicht um die Hinterlassenschaften der dazu viel zu gesitteten Gäste, sondern um eine Kunstinstallation, die der alte Graf inzwischen hatte vornehmen lassen, um dem Charme des neu eingerichteten Saales ein wenig Trash-Appeal entgegenzusetzen.

Der Kutscher, der übrigens in seiner kriminellen Jugend Stahl stahl, stall noch schnell das Pferd in den Stall, war dann aber vom Tagwerk schlapp und schlapp sich gleich ins Bett, wo er am nächsten Morgen auch unversehrt wieder aufwachte, als der Wecker schrull, denn eine Schrulle war die Eifersucht des Grafen gewesen. Das machte ihm Antoinette in dieser Nacht auf manche eindeutige Weise klar, noch bevor er dazu kam, den furchtbaren Hebel umzulegen. Und so sarg der Kammerdiener am anderen Morgen nicht für einen Sarg, sondern für ein um so schmackhafteres Frühstück.

„Sieh, Anselm!“, rief die Freiin entzückt, „dein Butler sieh schon Kaffee, brachte Brötchen und - das ist ein exquisiter kulinarischer Spaß! - spaß Trauben und Beeren auf Spieße. Dieser Haushalt gefällt mir, heirate mich, heuer, heute, jetzt!“ Sie küsste ihn heiß und fog hinzu: „Natürlich müssen wir erst einen Ehevertrag aufsetzen.“

Die umstehenden Bediensteten sporen schon, dass sie ihm ein wenig die Sporen gab, aber das schreckte Anselm nicht. Denn er furcht nichts als die Furcht selbst. Dass Antoinette stark war, stark seine Liebe für sie noch, und seinerseits konnte er ihren Pantoffeln ja immer noch männliches Imponiergehabe entgegensetzen. Nach dem Frühstück führte er sie in den Garten und stamm einen Stamm einhändig in die Höhe, wobei sie ihn anstar wie einen Star - und nicht gewahr wurde, dass er sie mit einer hohlen Rinde tusch.

Da - ein Tusch kündigte das Nahen hoher Herrschaften an. Durch das Gartentor, untergehakt, schritten die Eltern, Gräfin samt Mann, Freiherr samt Weib, samt und sonders in Samt und Seide gekleidet und froh schwatzend. Man froh sich sehr über das junge Glück - dem alten Grafen zufolge war es so schön, dass es einem sämtlichen Kalk und Talg aus dem Denkmorchel talg. Was angesichts seiner merkwürdigen Formulierungen und seines Kunstgeschmackes aber bezweifelt werden darf. Man wechselte das Thema. Die Freifrau frug die Tochter, ob sie auch fleißig Klavier ob, und äußerte, als diese lachend verneinte, doch noch ein Bedenken: „Übernicht nicht noch einmal vor der Heirat im Schlosse deines Bräutigams, man könnte ja auf allerlei Gedanken kommen!“ Der derbe Hauswart bewart den Fall ganz anders: „Ich wünschte, man ziege der alten Ziege mal, wohin sie sich ihre überkommenen Moralvorstellungen stecken kann! Sollen die jungen Herrschaften doch ihren Spaß haben!“

Bald wurde geheiratet. Illuster war der Gäste Schar: Es kam der Zar, sein Adel zar die Festgesellschaft wunderbar, auch Könige wie der von Böhmen ließen sich das Fest nicht nehmen. Zwar sich er sich als Festredner fürchterlich einen ab, doch schwall sein Schwall niemandem die Zornesader. Selbst aus dem Reich der Feen und Zauberer, der Zwerge und der Riesen riesen Gäste an. Man wunsch Anselm und Antoinette alles erdenkliche Gute, und auch der letzte Wunsch erfoll sich noch am selben Tage: Das Architektenteam kam wieder, frisch von einer Fortbildung zu Außenarchitekten, und verschorn als Hochzeitsgeschenk den Schornstein.

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