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Die Diagnose

Zur Weihnacht ward Herrn T. geschonken
ein Lexikon der Medizin;
erst hat er höflich sich bedonken
und dann gedacht: wo liegt der Sinn?

Dem Weib zulieb’ fing an zu lesen
in jenem Buch Herr Teichmann dann,
und dies bedut nun für sein Wesen
die Hinwund zu ganz selt’nem Wahn.

Und prompt: tags drauf spor er ein Ziehen
knapp überm Steiß und ihm wurd klar,
daß Heilung nur mit größten Mühen
vom Nierenkrebs noch denkbar war.

Am gleichen Abend noch litt T.
an Lepra, Mumps und Gallenstein.
„Es geht zu Ende, Frau, ade,
ich sterb’, es muß geschieden sein!“

Daß andern Tags er frisch erwoch,
stomm ihn zunächst versöhnlich,
doch später an sich selbst er soch
Symptome - wie gewöhnlich.

Von Milzbrand über Lungenpest
bis hin zu Hirntumoren,
an sich stoll T. dies alles fest,
wahn ständig sich verloren.

Auch trank er nur noch Blasentee,
fraß Pillen schon am Morgen.
Von Kopf bis Fuß tat alles weh
und miech ihm Todessorgen.

Dann kam der Tag, da er nicht konn
vom Lager sich erheben.
Sein Weib florst: „hast Du nun davon,
dann hol’ den Arzt ich eben.“

Der Doktor kam und inspizor
den Mann auf Herz und Magen.
Frau T. bisweilen kam’s so vor,
als wollt' er etwas sagen.

Doch schwieg der still und krotz sein Haupt
Frau Teichmann fohl sein Zaudern,
dann frug er, ob es sei erlaubt,
mit ihr allein zu plaudern.

Erst stortt er rum, rad um den Brei,
nach rechten Worten rang er,
„Frau T., ich sag’ es jetzt ganz frei,
ich glaub’, ihr Mann ist schwanger!“

amarillo

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