Grundkurs Neutsch für Anfänger

Aus GSV

Willkommen zum Grundkurs „Neutsch für Anfänger“! Dieser wird Sie in drei Lektionen mit den Grundzügen des Nittelhochmeutschen, der Verkehrssprache der GSV, vertraut machen. Schwerpunkt ist die Stärkung schwacher Verben, zusätzlich werden auch die Grundlagen des Stärkens von Adjektiven und Substantiven vermittelt. Nach erfolgreicher Absolvierung des Kurses sind Sie in der Lage, Nittelhochmeutsch zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Viel Spaß!

Stärkung von Verben

Verben auf -ieren

Am einfachsten zu stärken sind die auf -ieren endenden Verben. Die starken Formen können Sie im Nittelhochmeutschen ganz einfach nach dem Schema -or / -öre / -oren bilden:

Infinitiv Indikativ Präteritum Konjunktiv II Partizip II
halbieren halbor halböre halboren
konjugieren konjugor konjugöre konjugoren
buchstabieren buchstabor buchstaböre buchstaboren

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Verben:

Infinitiv Indikativ Präteritum Konjunktiv II Partizip II
kollabieren
reservieren
polieren

Lösung

kollabor, kollaböre, kollaboren

reservor, reservöre, reservoren

polor, polöre, poloren

Stärkung analog starker Verben

Einen Teil schwacher Verben können Sie sehr einfach analog bereits starker Verben stärken, auf die sie sich reimen. Wollen Sie zum Beispiel die schwachen Verben gerben und erben stärken, bietet sich als Vorbild das starke Verb werben an:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
werben wirbt warb würbe wirb geworben
gerben girbt garb gürbe girb gegorben
erben irbt arb ürbe irb georben

Stärken Sie analog passender starker Verben die folgenden:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
hehlen
pressen
wecken

Lösung

hiehlt, hahl, hiehle, hiehl, gehohlen (analog stehlen)

prisst, praß, präße, priss, gepressen (analog essen)

wickt, wak, weckte, wick, gewocken (analog schrecken)

Freie Stärkung

Beim Betrachten bestehender starker Verben fällt Ihnen sicher auf, dass sich die Vokale in den einzelnen Formen ändern: Im Indikativ Präses und im Imperativ oft zu e, i oder einem Umlaut, im Indikativ Präteritum und im Partizip II oft zu a, o oder u und im Konjunktiv II entsprechend zu ä, ö oder ü. Wenn Sie sich daran orientieren, können Sie auch ohne Analogie ein Verb stärken. Welche Vokale Sie genau verwenden, bleibt Ihnen überlassen – es gibt hier im Neutschen kein Richtig oder Falsch. Zum Beispiel:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
bremsen brimst broms brömse brims gebromsen
schlucken schlückt schlock schlöcke schlück geschlocken
stärken stirkt stork störke stirk gestorken

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Verben:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
reden
spucken
tanzen

Lösung

Z.B.

reden, riedt, rad, räde, ried, gereden

spucken, spückt, spock, spöcke, spück, gespocken

tanzen, tänzt, tunz, tünze, tänz, getanzen

Stärkung mit Konsonantenverschiebung

Bei Verben, bei denen der Infinitiv auf -eln, -ern oder -nen indt, fällt diese ganze Endung in den gestorkenen Formen weg. Der Konsonant l, r oder n bleibt jedoch erhalten und wird an eine andere Stelle verschoben, wo man ihn gut aussprechen kann (normalerweise direkt nach dem Stammvokal). Zum Beispiel:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
handeln hilnd holnd hölnde hilnd geholnden
zittern zirtt zortt zörtte zirtt gezortten
wappnen wänppt wonpp wönppe wänpp gewonppen

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Verben:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
trocknen
wackeln
wettern

Lösung

Z.B.

trocknen, trönckt, trunck, trüncke, trönck, getroncken

wackeln, wälckt, wolck, wölcke, wälck, gewolcken

wettern, wirtt, wartt, württe, wirtt, gewortten

Stärkung mit Tmesis

Mit Vorsilben versehene Verben sind im Deutschen trennbar. D.h., in den finiten Formen wandert die Vorsilbe an eine Position weiter hinten im Satz. So wird z.b. das Verb absägen in dem Satz Ich säge den Baum ab von seiner Vorsilbe getrennt. Dieses Phänomen nennt man Tmesis (von gr. tmêsis „Abtrennung“). Im Neutschen gibt es zahlreiche Formen der Tmesis, bei denen jedoch nicht nur die tatsächlichen Vorsilben abgetronnen werden, sondern zuweilen willkürlich gewählte Teile des Verbs.

Die im Nittelhochmeutschen beliebteste und einfachste Form der Tmesis können Sie bei dreisilbigen Verben anwenden. Sehen Sie die erste Silbe des Wortes einfach als Vorsilbe an und trennen Sie sie zunächst vom Rest des Verbs. Stärken Sie nun den verbliebenen Teil des Verbs und stellen Sie dann die „Vorsilbe“ nach hinten:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
faulenzen linzt faul lonz faul lönze faul linz faul faulgelonzen
heiraten rät hei riet hei riete hei rate hei heigeraten
mutmaßen maßt mut mieß mut mieße mut maße mut mutgemaßen

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Verben:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
wallfahren
shanghaien
ohrfeigen

Lösung

fährt wall, fuhr wall, führe wall, fahre wall, wallgefahren

hait shang, hia shang, hiäe shang, haie shang, shanggehiaen

feigt ohr, fieg ohr, fiege ohr, feige ohr, ohrgefiegen


Auch die auf -ieren endenden Verben können leicht mit Tmesis gestärkt werden. Trennen Sie einfach alles vor -ieren ab und stärken Sie -ieren nach dem Muster -or/-öre/-georen:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
verlieren iert verl or verl öre verl iere verl verlgeoren
kaschieren iert kasch or kasch öre kasch iere kasch kaschgeoren
konstatieren iert konstat or konstat öre konstat iere konstat konstatgeoren

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Verben:

Infinitiv Indikativ Präsens Indikativ Präteritum Konjunktiv II Imperativ Partizip II
thematisieren
profilieren
negieren

Lösung

iert thematis, or thematis, öre thematis, iere thematis, thematisgeoren

iert profil, or profil, öre profil, iere profil, profilgeoren

iert neg, or neg, öre neg, iere neg, neggeoren

Stärkung von Adjektiven

Adjektive auf -iert

Am einfachsten zu stärken sind Adjektive, die auf -iert enden. Sie sind abgeleitet von Verben auf -ieren und erhalten entsprechend die Endung -oren:

Deutsch Neutsch
kompliziert komplizoren
fasziniert faszinoren
schockiert schockoren

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Adjektive:

Deutsch Neutsch
ambitioniert
routiniert
ungeniert

Lösung

ambitionoren, routinoren, ungenoren

Adjektive auf -lich

Bei Adjektiven mit der Endung -lich entfällt -ich ersatzlos und das nun am Ende des Rest-Adjektivs stehende -l rückt um der besseren Aussprache willen so weit im Wort nach vorn, bis es direkt nach dem nächstliegenden Vokal steht. Enthält das Adjektiv einen Umlaut, geht dieser seiner zwei Pünktchen verlustig und wird zum entsprechenden Vokal (d.h. ä zu a, ö zu o, ü zu u).

Deutsch Neutsch
freundlich freulnd
deutlich deult
wahrscheinlich wahrscheiln
offensichtlich offensilcht
mündlich mulnd
eigentlich eigelnt
ähnlich ahln
ungewöhnlich ungewohln
betrüblich betrulb

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Adjektive:

Deutsch Neutsch
zeitlich
fröhlich
schicklich
glücklich
erkenntlich
beachtlich
unsäglich
womöglich
untrüglich

Lösung

zeilt, frohl, schilck, glulck, erkelnnt, bealcht, unsalg, womolg, untrulg


Eine Ausnahme bilden die Adjektive, die auf -ierlich / -erlich / -eulich / -äulich / -ä(h)rlich / -örlich / -ü(h)rlich enden. Bei diesen würde die Aussprache des komplett nach der o.g. Regel gestärkten Adjektivs zu schwierig, weshalb die Verschiebung des -l entfällt.

Deutsch Neutsch
manierlich manierl
widerlich widerl
erfreulich erfreul
bläulich blaul
unerklärlich unerklarl
unaufhörlich unaufhorl
natürlich naturl

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Adjektive:

Deutsch Neutsch
possierlich
erinnerlich
abscheulich
jungfräulich
gefährlich
unzerstörlich
gebührlich

Lösung

possierl, erinnerl, abscheul, jungfraul, gefahrl, unzerstorl, gebuhrl

Von Adjektiven abgeleitete Adverbien

Bei Adverbien, die von Adjektiven abgeleitet sind, wird das enthaltene Adjektiv wie oben gestärkt.

Deutsch Neutsch
freundlicherweise freulnderweise
möglicherweise molgerweise
bedauerlicherweise bedauerlerweise

Stärken Sie nach diesem Muster die folgenden Adverbien:

Deutsch Neutsch
glücklicherweise
fälschlicherweise
üblicherweise

Lösung

glulckerweise, fallscherweise, ulberweise

Stärkung von Substantiven

Substantive werden im Nittelhochmeutschen durch Entfernen häufig verwendeter und als langweilig empfunder Endungen sowie ggf. das Umstellen einzelner Buchstaben gestärkt.

Substantive auf -ierung

Bei Substantiven, die auf -ierung enden, wird zunächst dieser Teil des Wortes abgetrennt. Lediglich das mittlere Drittel (-ru-) wird noch gebraucht, wobei jedoch die Buchstaben ihren Platz tauschen und als -ur an das verbliebene Substantiv angehängt werden. Oder ganz kurz: -ierung wird einfach durch -ur ersetzt.

Deutsch Neutsch
die Formulierung die Formulur
die Dosierung die Dosur
die Halbierung die Halbur

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Substantive:

Deutsch Neutsch
die Armierung
die Klassifizierung
die Entmythisierung

Lösung

die Armur, die Klassifizur, die Entmythisur

Substantive auf -lichkeit

Bei Substantiven, die auf -lichkeit enden, entfällt dieser Wortteil bis auf das -l. Dieses rückt, sofern notwendig, um der besseren Aussprache willen soweit im Wort nach vorn, bis es direkt nach dem nächstliegenden Vokal steht. Enthält das Substantiv einen Umlaut, geht dieser seiner zwei Pünktchen verlustig und wird zum entsprechenden Vokal (d.h. ä zu a, ö zu o, ü zu u)

Deutsch Neutsch
die Verbindlichkeit die Verbilnd
die Gastlichkeit die Galst
die Sachlichkeit die Salch
die Häßlichkeit die Halß
die Öffentlichkeit die Offelnt
die Dümmlichkeit die Dulmm

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Substantive:

Deutsch Neutsch
die Betulichkeit
die Unwirtlichkeit
die Schicklichkeit
die Kläglichkeit
die Möglichkeit
die Gemütlichkeit

Lösung

die Betul, die Unwirlt, die Schilck, die Klalg, die Molg, die Gemult

Substantive auf -igkeit

Bei Substantiven, die auf -igkeit enden, wird die Endung abgetrennt. Lediglich die darin enthaltenen Buchstaben i und k werden benötigt, um als neue Endung -ik an das verbliebene Substantiv angehängt zu werden.

Deutsch Neutsch
die Fähigkeit die Fähik
die Heiligkeit die Heilik
die Wendigkeit die Wendik

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Substantive:

Deutsch Neutsch
die Traurigkeit
die Geselligkeit
die Abhängigkeit

Lösung

die Traurik, die Gesellik, die Abhängik

Substantive auf -ung

Bei Substantiven, die auf -ung enden, wird zunächst diese Endung abgetrennt. Der letzte Vokal des verbliebenen Wortes wird durch a, o oder u ersetzt. Das Genus des Wortes kann sich dabei von weiblich zu männlich verändern.

Deutsch Neutsch
die Stärkung der Stork
die Bedeutung der Bedut
die Verantwortung die Verantwurt

Stärken Sie nach dem obigen Muster die folgenden Substantive:

Deutsch Neutsch
die Verfehlung
die Trennung
die Bestäubung

Lösung

der Verfahl, die Trunn, der Bestub

Abschlussübung

Übersetzen Sie den nachfolgenden Text ins Nittelhochmeutsche, indem Sie nach Möglichkeit alle Verben, Substantive und Adjektive stärken.

Die Reduktion bedurfte einer ausführlichen Besprechung; wir kehren zur capuanischen Münzstätte zurück. Hier hatte sich, wie gezeigt, nichts geändert, als dass im Silber der Quadrigatentypus eingeführt und die Libelle zur Wertmünze geworden war. Die verhältnismässige Häufigkeit der goldenen 6- und 3-Skrupelstücke deutet auf die Fortprägung dieser Stücke gerade auch in der dritten Periode hin. Ein 4-Skrupelstück mit der Wertzahl XXX konnte allerdings jetzt nicht mehr geschlagen werden, da der ihm entsprechende Libral-As oskischen Gewichts in Wegfall gekommen war, in der Hauptstadt zufolge der Reduktion, im Latinergebiet hingegen durch die nunmehr eintretende Ersetzung des leichten durch das schwere Münzpfund.

(aus: Ernst Justus Haeberlin, Zum Corpus numorum aeris gravis, 1905)

Lösung

Z.B.

Die Reduktion bedierf eines ausfuhrlen Bespruchs; wir kehren zur capuanischen Münzstätte zurück. Hier hatte sich, wie geziegen, nichts geornden, als dass im Silber der Quadrigatentypus eingefohren und die Libelle zur Wertmünze geworden war. Die verhältnismäßige Häufik der goldenen 6- und 3-Skrupelstücke deutet auf den Fortprug dieser Stücke gerade auch in der dritten Periode hin. Ein 4-Skrupelstück mit der Wertzahl XXX konnte allerdings jetzt nicht mehr geschlagen werden, da der ihm entsprechende Libral-As oskischen Gewichts in Wegfall gekommen war, in der Hauptstadt zufolge der Reduktion, im Latinergebiet hingegen durch den nunmehr eintretenden Ersatz des leichten durch das schwere Münzpfund.